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Die Angst vor dem Raubritter

Editorial des Email-Newsletters 06-2011 vom 30.06.2011

29.06.2011

Gerhard Schmidt 
Dipl.-Informatiker Gerhard Schmidt ist Chefredakteur des "IT-Forum Steuerberater-Mittelstand".


Sitten wie im Mittelalter. Da übernimmt der Handelsreisende an der Grenze Waren von seinem Lieferanten, der dafür ordentlich seinen Zoll bezahlt, reitet in den Wald hinein und wird kurz danach von einer Horde aus dem Gebüsch hervorbrechender Bewaffneter angehalten. Er erkennt sie als die Zöllner von eben wieder. Einem von ihnen baumelt das Säckchen Taler mit der Zollzahlung am Gürtel. Zoll für die Waren verlangen die Burschen. Der Verweis auf das Säckchen fruchtet wenig. Der Händler hätte die Zollquittung deutlich sichtbar an der rechten Seite seines Wagens befestigen müssen und nicht an der linken. Außerdem sei eines der Pferde kurzzeitig in eine im Wald nicht zulässige Gangart verfallen. Das seien zwei gravierende Verfahrensfehler. Daher gälten die Waren formal als unverzollt und der Zoll sei nun fällig.

Genau so ist die Praxis heute bei der Umsatzsteuer. Der Fiskus treibt oft eiskalt die Umsatzsteuer aus einem Umsatz doppelt ein, indem er aus formalen Gründen den Vorsteuerabzug versagt, wohl wissend, dass die Umsatzsteuer aus dem Umsatz längst in der Staatskasse klimpert. Das haben die Unternehmen und ihre steuerlichen Berater oft leidvoll erfahren und sind entsprechend sensibilisiert. Deutlicher ausgedrückt: sie haben Angst vor dieser Art des Raubrittertums.

Diese Angst artikuliert sich aktuell in der Diskussion um die Erleichterungen beim elektronischen Rechnungsaustausch durch das kurz vor der Verabschiedung stehende Steuervereinfachungsgesetz.

Kann es sein, dass der Weg bei elektronischen Rechnungen für all die, die den Weg durch den dunklen Wald scheuen, zukünftig über ein ebenes, offenes Feld führt? Da gibt es doch für Wegelagerer keine Verstecke wie Gebüsche oder Felsen! Oder doch? Frisch ausgehobene Erdbunker vielleicht? Wird von mir etwa erwartet, dass ich, weil die Tatsache, dass ich das anderen Ende der Ebene erreicht habe, als Indiz für meine Ankunft dort nicht zählt, meinen genauen Weg durch die Ebene erst in eine Landkarte einzeichne und dann in einem Logbuch dokumentiere, dass ich genauso gereist bin? Fragen der Art: Wo sind die formalen Haken, aus denen mir der Fiskus einen Strick drehen kann? Es muss sie doch geben!

Und wenn nicht? Weil die Angst unbegründet ist? Weil es zukünftig beim Vorsteuerabzug alleine um die inhaltliche Frage geht, ob der in einer elektronischen Rechnung beschriebene Umsatz exakt so stattgefunden hat oder ob er fingiert ist? Und nicht um formale Nebensächlichkeiten?

Angst lähmt. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die Angst vor dem Raubrittertum des Fiskus ist wohl weit verbreitet. Das wiederum macht mir Angst.

Ihr Gerhard Schmidt

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